martin - An Richards Posting wird wieder einmal deutlich, wie wenig der Atheismus zum Verständnis von Religiosität und zum Dialog zwischen den Religionen beitragen kann, weil er trotz aller Bemühungen und Detailkenntnisse auf einer prinzipiellen wissenschaftlichen Widerlegbarkeit von Religiosität an sich beharrt.
Weil der Atheismus an den Religionen immer nur die Irrealität der Glaubensinhalte wahrnehmen kann, verfehlt er die Realität, die die Religionen selbst auf diesem Planeten bilden, bzw. sucht er das Heil in der tabula rasa des vom Transzendenzglauben befreiten Bewusstseins.
Was an Richards Posting besonders auffällt ist ein heilloses Durcheinander der Beobachterpositionen, d.h. eine völlig verworrene Unklarheit darüber, wer innerhalb / außerhalb eines Glaubenssystems dessen Inhalte aus moralischen / wissenschaftlichen oder fundamentalistischen Gründen ablehnt bzw. ablehnen kann oder muss. Hier besteht offenbar erheblicher Klärungsbedarf. Innerhalb dieses Durcheinanders ist Richards Position selbst zutiefst widersprüchlich, weil er einerseits oft genug gegen das, was er kurzerhand als 'abrahamitische Religion' zusammenfasst, mit moralisch fundierten Argumenten zu Felde gezogen ist, andererseits aber in obigem Posting andere als wissenschaftliche Argumente für unangemessen hält. Trotz der vollmundigen Argumentation im Namen von Rationalismus und Aufklärung ist das zumindest ein Indiz dafür, wie wenig durchdacht Richards Polemiken im Grunde sind, wenn die Bezugshorizonte beliebig gesamplet werden können, solange es nur irgendwie gegen die Religion geht.
Trotzdem ergeben sich m.E. auch Anknüpfungspunkte aus Richards Wirrwarr, z.B. die Frage, von welcher Position aus Religion überhaupt einer Bewertung unterzogen werden kann, bzw. in der Realität unterzogen wird. Hier überwiegen mittlerweile völlig subjektive, gefühlsmäßige Kriterien, z.B. ein verbreitetes xenophobes Unbehagen am Islam, dessen Opfer Richard selbst geworden zu sein scheint. Religion ist zum multiplen Phänomen geworden: Postmodernes Lifestyle-Produkt, das man sich gemäß den eigenen Wünschen zusammenbasteln kann, Mentales Rückzugsgebiet gegenüber einer überhand nehmenden technizisitischen Kultur, Instanz der Identitätsbildung gegenüber kulturellen Entfremdungs- und Entwurzelungsprozessen etc.pp.
Der Atheismus, der hier im Forum ja nicht nur von Richard vertreten wird, scheint mir mit seinen herablassenden Rübezahl-Allegorien gegenüber der realen Komplexität der Religion im psychologischen, politischen, kulturellen Bezugsfeld immer ein wenig einfältig zu sein. Dass religiöse Mentalitäten noch nicht einmal mit Transzendenzglaube verbunden sein muss, mag ein Indiz dieser Komplexität sein: Ein Schulkamerad von mir entschied sich für das Studium der protestantischen Theologie nicht aus Glaubensgründen, sondern im Rahmen eines Lebensentwurfes, der, fasziniert von der Sittenstrenge und der luziden ratio einer religiösen Praxis der Lektüre, an Zeiten anknüpfen wollte, in denen ein protestantisches Bürgertum mit seiner deutschnationalen Mentalität noch Träger der Staatsraison war.
Studium der Theologie, der "einzigen Disziplin, die die Philosophie im Nebenfach hat" als Gegenentwurf zum gesellschaftlichen laissez-faire - auch das ist ein, wenn auch exotisches, Nachglühen der Religionen.
Freitag, Dezember 03, 2004
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
2 Kommentare:
Nabend Martin,
keineswegs jeder Atheist beharrt auf die "Widerlegbarkeit" der Religion.
Zum Atheistsein genügt längst die Ansicht, dass die Religion nicht "belegt" sei.
LG von Sven
Zum ungläubig sein genügt längst die Ansicht, dass keine Religion anbietet, was eine fundierte Bildung bewirkt.
Kommentar veröffentlichen